Kaltenkirchen. Sozialministerin Aminata Touré nahm sich Zeit für einen persönlichen Austausch im Mehrgenerationenhaus Am Markt. Gemeinsam mit der Tausendfüßler Stiftung kamen Akteur:innen aus der Praxis sowie Vertreter:innen des Kreises Segeberg, der Stadt Kaltenkirchen und der PerspektivKita „Arche Noah" zusammen, um über frühkindliche Bildung und Betreuung zu sprechen. Im Mittelpunkt standen die Erfahrungen aus dem Kita-Alltag, die Lebensrealitäten von Familien – insbesondere mit Migrations- und Fluchterfahrung – sowie die Frage, wie das Kita-System gerechter, verständlicher und entlastender für alle Beteiligten gestaltet werden kann.
Ziel war es, ein realistisches Bild davon zu zeichnen, wo das System aktuell steht – und was sich verändern muss, damit alle Kinder gute Startbedingungen haben.
Kita als Schlüssel für Teilhabe und Integration
Einigkeit bestand darüber, dass Kitas weit mehr sind als Betreuungsorte. Sie sind zentrale Bildungsorte, ermöglichen frühe Sprachförderung, soziale Kontakte und bereiten Kinder auf den Übergang in die Schule vor. Gerade für Familien mit Migrationsgeschichte ist der Kita-Besuch ein entscheidender Faktor für Integration und gesellschaftliche Teilhabe.
Ein Vater mit Migrationsgeschichte erklärte sich bereit, offen über die Herausforderungen zu sprechen, mit denen viele Familien konfrontiert sind. Er machte damit stellvertretend Erfahrungen sichtbar, die im Alltag vieler Familien eine große Rolle spielen. Betont wurde die hohe Bedeutung der Kita für Kinder – insbesondere für den Spracherwerb, soziale Kontakte und die Vorbereitung auf die Schule. Gleichzeitig wurde deutlich: Der Zugang zum Kita-System ist für viele Familien alles andere als selbstverständlich.
Hürden im Alltag: Sprache, Bürokratie und Kosten
Aus der Praxis wurden zahlreiche Herausforderungen benannt:
- Sprachbarrieren erschweren die Kommunikation zwischen Eltern und Einrichtungen sowie die Nutzung des Kita-Portals. Anmeldeverfahren und Formulare sind häufig komplex und nicht mehrsprachig angelegt.
- Unklarheiten über das System: Viele Familien wissen nicht, wie Kitas funktionieren, was von ihnen erwartet wird und welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Besonders bildungsferne oder teilweise analphabetisierte Eltern sind hiervon betroffen.
- Finanzielle Belastungen: Kita-Gebühren stellen für Familien, die knapp über der Einkommensgrenze für eine Befreiung liegen, ein erhebliches Problem dar. In manchen Fällen verzichten Eltern deshalb auf einen Kita-Platz für ihr Kind.
- Sorgen um kulturelle Identität: Einige Eltern äußern die Angst, dass ihre Kinder eigene Sprache und Kultur im Kita-Alltag verlieren könnten.
- Strukturelle Engpässe in den Einrichtungen: Große Gruppen, Personalausfälle und eine hohe Belastung des Fachpersonals wirken sich direkt auf die Qualität der pädagogischen Arbeit aus.
Rückmeldungen aus Kitas und Trägerstrukturen
Aus Sicht der Kitas wurde die hohe Belastung der Fachkräfte deutlich gemacht. Große Gruppen, Personalausfälle und Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf wirken sich unmittelbar auf den pädagogischen Alltag aus. Gleichzeitig werden aktuell sinkende Kinderzahlen in einigen Einrichtungen als Entlastung empfunden: Kleinere Gruppen ermöglichen intensivere pädagogische Arbeit, mehr Zeit für Sprachförderung und Elterngespräche sowie insgesamt eine höhere Qualität.
Die Tausendfüßler Stiftung betont, dass insbesondere bildungsferne Familien Zeit, persönliche Ansprache und verlässliche Beziehungen benötigen, um Vertrauen aufzubauen. Niedrigschwellige Angebote wie Krabbel- und Spielgruppen, Eltern-Cafés oder eine frühe Begleitung durch Fachkräfte helfen dabei, Familien an das System heranzuführen und Unsicherheiten abzubauen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Maßnahmen zu kurzfristig angelegt sind, um nachhaltig wirken zu können.
Ein bewährtes Beispiel hierfür ist das Brückenbauer-Konzept der Tausendfüßler Stiftung. Die Brückenbauer begleiten Familien in sensiblen Übergangsphasen – etwa vom Elternhaus in die Kita oder von der Kita in die Schule. Sie fungieren als verbindendes Element zwischen Kind, Familie und Bildungseinrichtung, beobachten die Entwicklung der Kinder, beraten und unterstützen Eltern auch in praktischen Fragen und entlasten gleichzeitig die pädagogischen Fachkräfte. Durch enge Netzwerkarbeit mit Kitas, Schulen und weiteren Unterstützungsangeboten tragen die Brückenbauer dazu bei, frühzeitig Bedarfe zu erkennen, Chancengleichheit zu fördern und zu verhindern, dass Kinder oder Familien im Bildungssystem verloren gehen.
Einschätzungen von Stadt und Kreis
Von kommunaler und Kreisebene wurde berichtet, dass sich die Situation in den letzten Jahren spürbar verändert hat: Während zuvor der Fokus stark auf dem Schaffen neuer Plätze lag, gibt es derzeit in einigen Kommunen freie Kapazitäten. Diese Entwicklung wird auch als Chance gesehen, das System zu stabilisieren und die Qualität in den Einrichtungen weiter zu verbessern. Zugleich wurde auf deutliche regionale Unterschiede hingewiesen. Themen wie Bedarfsplanung, Anpassung von Randzeiten und Gruppenstrukturen bleiben weiterhin zentrale Aufgaben.
Perspektive des Landes Schleswig-Holstein
Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung, machte während des Austauschs deutlich, dass sie die geschilderten Erfahrungen aus der Praxis sehr ernst nimmt. Sie zeigte großes Interesse an den konkreten Berichten aus dem Alltag von Familien, Kitas und Trägern und machte deutlich, dass viele der angesprochenen Themen auch aus ihrer eigenen Perspektive gut nachvollziehbar sind.
Insbesondere die Hürden rund um das Kita-Portal, komplexe Anmeldeverfahren und fehlende Mehrsprachigkeit bezeichnete sie als Punkte, an denen das System dringend nachvollziehbarer und nutzerfreundlicher werden müsse. Ziel des Landes sei es, das Kita-System insgesamt verständlicher, zugänglicher und weniger bürokratisch zu gestalten, damit Familien sich leichter orientieren können und weniger zusätzliche Unterstützung benötigen.
Auch die Frage der Kita-Gebühren wurde offen angesprochen. Eine vollständige Beitragsfreiheit sei aktuell nicht realistisch, da Elternbeiträge ein wichtiger Bestandteil der Finanzierung sind. Gleichzeitig erkannte die Ministerin an, dass insbesondere Familien knapp oberhalb der Einkommensgrenzen bislang zu wenig entlastet werden – hier sieht das Land klaren Handlungsbedarf.
Ministerin Touré betonte zudem, dass kleinere Gruppen das System spürbar entlasten und sowohl Kindern als auch Fachkräften zugutekommen. Auch wenn dies kurzfristig nicht überall umsetzbar ist, verfolgt das Land langfristig das Ziel, Qualität weiter zu stärken. Dabei sollen künftig verstärkt strukturelle und nachhaltige Lösungen im Fokus stehen – etwa durch den Ausbau bewährter Ansätze wie der PerspektivKitas und durch bessere Rahmenbedingungen für Fachkräfte.
Der offene Austausch vor Ort machte deutlich: Die Ministerin hört zu, nimmt Hinweise aus der Praxis auf und versteht diese Gespräche als wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen auf Landesebene.
Gemeinsames Ziel
Über alle Ebenen hinweg wurde sichtbar: Es gibt bereits gute Ansätze und tragfähige Strukturen. Entscheidend ist, diese besser zu vernetzen, langfristig abzusichern und für alle Familien zugänglich zu machen. Deutlich weniger Bürokratie, klarere Zuständigkeiten und mehr Raum für Beziehung, Vertrauen und pädagogische Qualität wurden dabei als zentrale Voraussetzungen benannt.
Der Austausch wurde von uns als Tausendfüßler Stiftung als sehr wertvoll erlebt. Besonders danken wir Sozialministerin Aminata Touré dafür, dass sie sich persönlich Zeit für diesen Dialog genommen hat und den offenen Austausch gesucht hat. Die Offenheit, mit der zugehört wurde, und das ehrliche Interesse an den Rückmeldungen aus der Praxis haben uns die Gewissheit gegeben, gesehen und gehört zu werden. Dieses Vertrauen in unsere Arbeit und in die Expertise vor Ort bestärkt uns darin, uns weiterhin engagiert für Familien, Kinder und Fachkräfte einzusetzen und gemeinsam an einem Kita-System zu arbeiten, das verlässlich unterstützt, entlastet und Chancengleichheit ermöglicht.
Foto v.l.n.r.: Mustafa El Kilani, Vater und Berichterstatter zum Thema Kita für Kinder mit Migrationsgeschichte, Petra Dibbern & Stefan Bohlen von der Stadt Kaltenkirchen, Torben Wenzel und Barbara Lüneburg-Prieß vom Kreis Segeberg, Katharina Böttcher, Tausendfüßler Stiftung, Aminata Touré, Sozialministerin Schleswig-Holstein, Marina Heath, Anke Kehrmann-Panten, Reinhard Redemund und Ulrike Feige von der Tausendfüßler Stiftung, Kassandra Strauß, PerspektivKita „Arche Noah“, Mohammad Ateya, Tausendfüßler Stiftung
