Neumünster. Von den rund 1.550 Bauarbeitern in Neumünster sind nach aktuellen Angaben der Arbeitsagentur gerade einmal rund 60 Beschäftigte älter als 63 Jahre. Die IG BAU Holstein fordert deshalb eine „Flexi-Rente" – einen „Expresszugang in den Ruhestand" für alle, die hart arbeiten, und appelliert an die heimischen Bundestagsabgeordneten, sich gegen die Abschaffung der Rente mit 63 stark zu machen.

„Ob Maurer, Dachdecker, Kanal- oder Straßenbauer: Sie machen harte körperliche Arbeit. Und das bei Wind und Wetter – bei Hitze und Frost", sagt Ralf Olschewski von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Der Vorsitzende der IG BAU Holstein sieht dabei eine kritische Altersgrenze: „Für die meisten ist schon Schluss, bevor sie 60 sind. Sie packen die Arbeit auf dem Bau gesundheitlich dann einfach nicht mehr."

Für die IG BAU Holstein ist klar: „Es schafft kaum einer, auf dem Bau bis 67 zu arbeiten. Wenn es demnächst dann noch länger gehen soll: keine Chance", so Ralf Olschewski. Der Gewerkschafter kritisiert damit die Pläne der Rentenkommission, die die Bundesregierung umsetzen will. „Was dabei fehlt, ist die Flexi-Rente. Also die Chance auf vernünftige Übergänge vom Arbeitsleben in den Ruhestand für alle Branchen, in denen Beschäftigte durch ihren Job gesundheitlich einfach früher am Ende sind. Eine faire Rente muss unbedingt dem ‚Härtegrad der Arbeit', die geleistet wird, angepasst werden", sagt Ralf Olschewski.

Das gelte für die Baubranche, aber auch für die Land- und Forstwirtschaft, die Gebäudereinigung, den Garten- und Landschaftsbau. An die heimischen Bundestagsabgeordneten in Neumünster und der Region appelliert die IG BAU Holstein, „Renten-Rückgrat" zu zeigen und die Pläne der Bundesregierung „dringend zu korrigieren". Andernfalls würden viele Berufe, in denen hart gearbeitet werde, mehr und mehr an Attraktivität verlieren.

Ein weiterer Kritikpunkt der Gewerkschaft ist das Abschaffen der Rente mit 63. „Das wäre gerade für viele Baby-Boomer ein Schlag ins Gesicht. Es macht ihnen nämlich einen dicken Strich durch ihre Lebensplanung", sagt Ralf Olschewski. Betroffen davon sind viele: In Neumünster gibt es 12.500 Baby-Boomer, die in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen werden, so die IG BAU Holstein. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Berechnungen des Pestel-Instituts.

Der Chef der IG BAU Holstein warnt, die geburtenstarken Jahrgänge nicht zu enttäuschen: „Immerhin haben viele Boomer ihre Beitragsjahre für die Rente voll. Sie haben 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt und damit eine enorm lange Zeit ihres Lebens gearbeitet. Ihnen jetzt – gewissermaßen kurz vor knapp – die Rente mit 63 vor der Nase wegzuschnappen, das geht nicht. Das kostet politisches Vertrauen – und Vertrauen in den Staat."

Im Fokus der Kritik der IG BAU Holstein steht auch das Rentenniveau. Die Gewerkschaft fordert eine garantierte Haltelinie beim Rentenniveau. Der Staat dürfe den Baby-Boomern ab 2031 kein Absenken des Rentenniveaus unter 48 Prozent zumuten. „Grundsätzlich muss das Rentenniveau dann schnell wieder auf mindestens 53 Prozent kommen", sagt IG BAU-Bezirkschef Ralf Olschewski.

Die Bundesregierung müsse dringend klarstellen, dass es keinen Einbruch beim Rentenniveau gebe – auch nicht beim Übergang zur kapitalgedeckten Zusatzrente. Die IG BAU Holstein fordert, dass sich die heimischen Bundestagsabgeordneten in ihren Fraktionen in Berlin dafür stark machen.

Foto: IG BAU | Alireza Khalili