Kreis Segeberg. Einsamkeit betrifft längst nicht nur einzelne Menschen oder bestimmte Altersgruppen. Sie kann jeden treffen – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Lebenssituation. Wie verbreitet Einsamkeit im Kreis Segeberg ist und welche Faktoren sie begünstigen, hat das Fachgebiet Prävention, Gesundheitsplanung und -region des Kreises Segeberg gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnerinnen untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Viele Menschen im Kreisgebiet fühlen sich einsam. Gleichzeitig werden vorhandene Unterstützungsangebote bislang vergleichsweise wenig genutzt.

Gemeinsam mit dem Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), dem Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein und dem Psychiatrischen Krankenhaus Rickling wurde eine wissenschaftliche Befragung entwickelt.

Der Fragebogen verband regionale Besonderheiten des Kreises Segeberg mit aktuellen Erkenntnissen der Einsamkeitsforschung. An der anonymen Online-Befragung beteiligten sich insgesamt 2.535 Menschen.

„Einsamkeit kann erhebliche Auswirkungen auf Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und Lebensqualität haben. Wir bedanken uns daher herzlich bei allen Teilnehmer*innen. Ihr Engagement liefert eine wichtige Grundlage, um das Thema besser zu verstehen und gezielt anzugehen", sagt Landrat Jan Peter Schröder.

Die Auswertung der Daten zeigt ein moderates bis hohes Einsamkeitserleben im Kreisgebiet. Gleichzeitig sind soziale und beratende Angebote zwar grundsätzlich vorhanden und erreichbar, werden jedoch eher wenig genutzt. Besonders häufig betroffen waren ältere Menschen, Alleinlebende sowie Menschen ohne feste Tagesstruktur. Männer berichteten häufiger von Einsamkeitserfahrungen als Frauen. Zudem zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einem erhöhten Risiko für Angst- und Depressionssymptome.

„Besonders auffällig ist, dass zwar eine hohe Einsamkeitsbelastung im Kreisgebiet festgestellt wurde, sich aber über die Hälfte der Befragten wenig bis gar nicht mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzt oder darüber spricht. Dieser aus der Forschung bekannte Turn-Away-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen sich nur mit großer Überwindung mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen – sowohl mit ihrer eigenen als auch der von anderen. Besonders Scham, Angst, Unbehagen oder das Gefühl des persönlichen Scheiterns können zu diesem Wegdrehen führen. Unsere Daten zeigen, dass der Turn-Away-Effekt ein bedeutsamer Faktor ist, der mit einer geringeren Nutzung sozialer Angebote verbunden ist", erläutert der Sozialwissenschaftler Jonas Schmeißner-Darkow.

Die Forschenden sehen deshalb Anlass zum Handeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie bestehende Angebote noch besser auf die Bedürfnisse einsamer Menschen zugeschnitten und leichter zugänglich gemacht werden können. „Dies gelingt vor allem, wenn gemeinsam mit von Einsamkeit betroffenen Menschen sowie den Anbieter*innen von Angeboten konkrete Handlungsmöglichkeiten entwickelt und umgesetzt werden", betonen die Projektverantwortlichen.

Dass Unterstützung bereits heute möglich ist, zeigt ein Angebot des Landesvereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein: Mit „Sozial kann Jede*r" gibt es eine offene Gesprächsgruppe für Menschen, die sich einsam fühlen oder mehr soziale Kontakte suchen. Die Gruppe trifft sich jeweils am ersten Montag im Monat von 15 bis 16.30 Uhr im Freizeitzentrum „Kuhstall" in Rickling.

„Wir forschen im Landesverein seit mehreren Jahren im Themenfeld Einsamkeit und haben dazu bereits klinisch erprobte und wirksame Instrumente und Angebote entwickelt", sagt Matthias Dargel, Vorstand des Landesvereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein. „Unsere Erfahrung zeigt: Einsamkeit ist nicht erst in Corona-Zeiten entstanden, sondern ein Phänomen, das seit Jahren wächst. Wir können und wollen insbesondere Menschen, die im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen unter Einsamkeit leiden, qualifiziert unterstützen."

Die Ergebnisse der Befragung wurden im Frühjahr auf der Gesundheitsförderungskonferenz des Kreises Segeberg vorgestellt. Rund 100 Vertreter*innen aus Kommunen, Vereinen, Verbänden, dem Gesundheitswesen und der sozialen Arbeit diskutierten dort erste Lösungsansätze. Im Mittelpunkt standen Fragen, wie bestehende Angebote passgenauer gestaltet, besonders gefährdete Personengruppen frühzeitig erreicht und neue Maßnahmen gemeinsam entwickelt werden können.

„Bereits bei dieser Erhebung zeigt sich das komplexe Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren mit Bezug zu Einsamkeitserleben. Solche Erhebungen sind daher besonders wertvoll, um standortbezogene Strukturen systematisch zu reflektieren und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Gleichzeitig tragen sie einem zunehmend wichtigen Aspekt Rechnung: der Bündelung von Ressourcen. Dabei geht es jedoch nicht um Standardisierung um ihrer selbst willen, sondern darum, Synergien gezielt zu nutzen, ohne an Zielgerichtetheit oder Wirksamkeit einzubüßen – vielmehr können Effektivität und Passgenauigkeit dadurch sogar weiter gesteigert werden", sagt die an der Studie beteiligte Professorin Dr. Frauke Nees, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie an der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Die bei der Gesundheitsförderungskonferenz entwickelten Ideen sollen nun weiter konkretisiert werden. Dazu findet am Donnerstag, 25. Juni, von 10 bis 13 Uhr ein Workshop mit Akteur*innen in der Rosenstraße 28a in Bad Segeberg statt. Interessierte können sich per E-Mail anmelden: gesundheitsfoerderung@segeberg.de.

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung hat das Fachgebiet Prävention, Gesundheitsplanung und -region in einem übersichtlichen Faktenblatt zusammengefasst. Dieses steht auf der Internetseite des Kreises Segeberg zur Verfügung. Interessierte können sich dort ausführlich über die Ergebnisse informieren: www.segeberg.de/Einsamkeit/